Die Blutegeltherapie gehört zu den ältesten Methoden der Naturheilkunde. Ihre Anwendung ist seit der Antike schriftlich überliefert. Bereits 100 v. Chr. wurde der Blutegel von dem griechischen Arzt Nikandros von Colophon lobend erwähnt. Blutegeltherapie wurde im 18. und 19. Jahrhundert in Europa derart populär, dass den wild gesammelten Egeln beinahe die Ausrottung drohte. Da sie nun zu sehr hohen Kosten aus Mittelasien importiert werden mussten, geriet die Blutegeltherapie bei uns nachfolgend zunächst in Vergessenheit.

Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebt dieses Behandlungsverfahren jedoch eine bemerkenswerte internationale Renaissance. Grund dafür sind zahlreiche wissenschaftliche Studien, die die positive Wirkung dieser naturheilkundlichen Therapie bei einer Vielzahl von Leiden bestätigen. Hierzu zählen vor allem die am Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Duisburg-Essen in jüngerer Zeit durchgeführten klinischen Studien zur Egelbehandlung bei Arthroseschmerz. Bei mehr als 80% der behandelten Patienten mit schmerzhafter Kniearthrose stellte sich bereits nach einer einmaligen Behandlung mit 4-6 Blutegeln eine Verringerung der Schmerzen um durchschnittlich 60% ein. Diese Schmerzlinderung hielt bei 70% der Patienten über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten vor. 45% der Patienten berichteten auch nach 10 Monaten noch über eine nachhaltige Wirkung und reduzierten Schmerzmittelbedarf. Ähnlich positive Ergebnisse brachten weitere klinische Studien unserer Essener Forschergruppe bei Arthroseschmerz des Schultergelenks, des Hüftgelenks, des Daumensattelgelenks und des Sprunggelenks.

Neben arthrotischen Beschwerden existieren auch für nachfolgende Erkrankungen zahlreiche Studien und Anwendungsbeobachtungen mit sehr guten bis guten klinischen Ergebnissen:

  • Venenerkrankungen: Venenentzündungen, Krampfadern,
  • Besenreiser
  • Rheumatoide Arthritis, Gicht
  • LWS-, BWS- und HWS-Syndrom
  • SIG-Syndrom (schmerzhafte Iliosakralgelenke)
  • Schulter-Arm-Syndrom
  • Karpaltunnelsyndrom
  • Tennisellbogen, Golfarm
  • Hörsturz
  • Tinnitus, Mittelohrentzündung
  • Durchblutungsstörungen der Augen
  • Periphere Durchblutungsstörungen
  • Abszesse
  • Gürtelrose
  • Hämatome etc.

In der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie finden Blutegel heute bei postoperativen, venösen Stauungen mit nachfolgendem Transplantatversagen ebenfalls breite Verwendung.

Dass die Blutegeltherapie bei so vielen verschiedenen Erkrankungen erfolgreich eingesetzt werden kann, ist auf die vielfältigen pharmakologischen Wirkungen der Inhaltsstoffe des Blutegelspeichels zurückzuführen. Neben dem recht bekannten Hirudin, das die Blutgerinnung hemmt, hat die Forschung heute eine Reihe weiterer Substanzen wie Calin, Bdelline, Egline, Hyaluronidase usw. im Blutegelspeichel entdeckt.

In Summe wirken diese Substanzen:

  • blutverdünnend
  • Blutgerinnsel auflösend
  • antientzündlich
  • schmerzstillend
  • abschwellend

Vor jeder Blutegeltherapie wird ein Blutbild erstellt. Die Zahl der in einer Behandlung verwendeten Blutegel richtet sich nach verschiedenen Kriterien. In der Regel werden nicht mehr als 6-10 Blutegel angesetzt. Diese werden exakt platziert. Ein kurzes Pieksen und rhythmische Saugbewegungen zeigen an, dass der Biss stattgefunden hat und der eigentliche Saugakt beginnt.

Die Saugzeit beträgt durchschnittlich 30 Minuten bis 2 Stunden. Der Patient sitzt bequem in einem Sessel oder liegt. Wenn sich der Egel vollgesaugt hat, löst er sich von selbst ab

Ein medizinischer Blutegel kommt nur ein Mal in seinem Leben an einem Menschen zum Einsatz. Der Blutverlust, der von einem Egel verursacht wird, beträgt in der Regel ca. 50 ml. Davon entfallen etwa 10 ml auf die abgesaugte Menge und 40 ml auf die nachfolgende Sickerblutung aus der Wunde. Diese geringen Blutverluste werden vom Körper schnell kompensiert. Am Ende der Egelbehandlung legen wir einen leichten Druckverband mit sterilen Kompressen an. Dieser Verband kann nach 24 Stunden entfernt werden.